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Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 24.06.2015:

Für die Aufnahmekapazität Europas bis 2050 gibt es viel Unklarkeit, aber doch ein paar Anhaltspunkte. Knapp 1,1 Millionen Zuwanderer überschreiten im Jahre 2012 und gut 1,2 Millionen im Jahre 2013 die Grenzen der deutschen Bundesrepublik (82 Millionen Einwohner). Sie haben ihre Migration unabhängig von den gleichzeitig aus Deutschland Abgewanderten (0,7 bzw. 0,8 Mill. [1]) geplant. Würde man die deutschen Zahlen „gerecht“ auf die EU mit ihren 507 Millionen Einwohnern umlegen und bis zum Jahre 2050 fortrechnen, dann würden in 35 Jahren rund 250 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge in die Europäische Union (EU) kommen können.
950 Millionen Menschen wollen 2050 aus Afrika sowie den nichtafrikanischen Araberländern entkommen, soweit man die (vor Boko Haram oder dem Ölpreisverfall) für 2009 erfragten Prozentsätze [2] hochrechnen kann. Niemals zuvor in der Geschichte wollten so viele Verzweifelte auf die Beine machen. Statt 1,2 Mrd. 2015 wird Afrika 2050 rund 2,4 Mrd. Menschen beherbergen. Schon 2040 wird die Hälfte der Menschheit im Alter unter 25 Jahren afrikanisch sein. [3] Für die 950 Millionen Wanderungswilligen wären 250 Millionen Angebote zwischen 2015 und 2050 ein beträchtliches, wenn auch bei weitem nicht ausreichendes Angebot.
Darauf jedoch, dass auch „nur“ jene 250 Millionen Plätze im europäischen Angebot bleiben, kann sich niemand verlassen. Es stellt sich deshalb die Frage, wie viele Neuankömmlinge die EU bis 2050 bereitwillig nehmen würde bzw. aktiv suchen muss. Jährlich fehlen (bei 1,5 Kindern pro EU-Frauenleben [4]) gut 2,1 Millionen Neugeborene, die es bräuchte, um die Bevölkerung stabil zu halten und das Anwachsen des Durchschnittsalters zu stoppen. Rund 75 Millionen Zuzügler (wenn die dann ihrerseits pro Paar wenigstens 2 Kinder aufziehen) sind allein von daher bis 2050 geboten. Im selben Zeitraum von 35 Jahren suchen die drei Kompetenzfestungen (nur Asse passieren die Grenze) Australien, Kanada und Neuseeland rund 25 Millionen hochqualifizierte Neubürger. Einmal angenommen, dass die alle aus der EU kämen, bräuchte die bis 2050 mindestens 100 Millionen Zuzügler.
Für die prognostizierten 950 Millionen Wanderungswilligen sind 100 Millionen Angebote zwar kein Nullum, aber doch nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein. Gleichwohl ist nicht ausgemacht, ob man wenigstens um 100 Millionen Afrikaner aktiv werben wird. Falls auch in Europa Kompetenzfestungen entstehen – England will wegen Abwanderung so vieler Spezialisten in die Ex-Kolonien eine werden – wird bei der Zuwanderung zunehmend nicht nach Wunsch oder Not, sondern nach Talent entschieden. Denn alle EU-Länder haben bereits viele Millionen mehr Un- oder Angelernte, als vermittelt werden können. Diese Gruppe der eher hilflosen Mitbürger wird aufgrund biologischer Vermehrung und generell steigender intellektueller Anforderungen weiter wachsen. Für eine menschenwürdige und oftmals lebenslängliche Finanzierung dieser Bedauernswerten benötigt man mithin ungezählte neue Versorger, nicht aber zusätzliche Hilfebezieher.
Ein auch in Europa eingeführter Kompetenzfilter verringert zwar nicht den Bedarf von mindestens 100 Millionen Zuwanderern bis 2050, schließt aber alle Interessenten aus, deren Qualifikationsprofil dem hiesigen Anforderungsprofil nicht entspricht. Die 950 Millionen wissen mithin, dass sie fleissig Schularbeiten machen müssen, wenn wenigstens jeder Zehnte von ihnen eine Chance bekommen soll. Wer jetzt den Weg über die Schlepper-Boote wählt, hat schließlich schon daheim den Ansprüchen nicht genügt. Auch auf den ungemein such-genauen Radarschirmen internationaler Talentjäger (INFOR, CEB TALENT, iCIMS etc.) hat er keinen Lichtpunkt erzeugt.
Nun besteht durchaus die Möglichkeit, dass in Afrika Fähigkeiten wegen schlechter oder zu teurer Schulen brachliegen, die in Europa mit seinen kostenlosen Aus- und Fortbildungsangeboten schnell zum Vorschein kämen. Diese Vermutung wird aber immer weniger überzeugen können. Durch E-Learning kommen schließlich schon jetzt die besten Lehrer der Welt kostenlos auf die Smartphones selbst der isoliertesten Dörfer [5]. Wer dort direkt vor Ort europäische Leistungstests besteht, muss sich dann aber darauf verlassen können, dass Rassisten von der Entscheidung über seine Ansiedlung ausgeschlossen sind. Nur Können, nicht aber Religion oder Hautfarbe darf dann noch zählen. Jeder Bewerber muss allerdings auch wissen, dass sich in Pakistan und Bangladesch oder in Indien und Indonesien ebenfalls viele Millionen ernstzunehmende Konkurrenten auf dieselben Lebenswege vorbereiten.
Die allermeisten Afrikaner werden deshalb daheim eine Balance zwischen Ambitionen und Positionen herbeiführen müssen. Das wird nicht einfach bei Kriegsindex-Werten zwischen 3 und 7. Auf 100 Alte [55-59 Jahre] folgen dabei nicht 70 oder 80 Pazifisten [15-19 Jahre] wie in D bzw. A/CH, sondern 300 bis 700 wütende Jünglinge. Die Welt wird in den kommenden Jahrzehnten also immer wieder erleichtert aufatmen, wenn diese ungeheuer scharfe Konkurrenz um extrem knappe Posten ohne Blutvergießen gelingt.
 
[1] http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2015/01/2015-01-15-faq-zuwanderung-wer-kommt-wer-geht.html
[2] www.gallup.com/poll/124028/700-million-worldwide-desire-migrate-permanently.aspx
[3] http://www.unicef.org/publications/files/UNICEF_Africa_Generation_2030_en_11Aug.pdf
[4] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/162133/umfrage/anzahl-der-geburten-in-europa/
[5] http://www.elearning-africa.com/
 
Gunnar Heinsohn (*1943) lehrt Militärdemographie am NATO Defense College (NDC/Rom) und an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAK/Berlin).