Talent – oder Stärken?
Vor einigen Jahren war der große Slogan im Personalwesen der »War for Talent« . Das martialische Wort »War« könnte aber auch stutzig machen. Wenn schon „Krieg“, dann könnte es auch ein »War for Performance« sein – also nicht um Talent sondern um Leistung.
Es gibt kaum eine Präsentation von Personalexperten ohne das Wort »Talent«. Man sucht das „Super-Talent,“ und fordert ein „Mega-Talent“. Fragt man, was damit gemeint sei, antworten viele recht unscharf: … Hmm? Irgendwie … eine besondere Begabung …, jemand, der halt eben sehr gut ist …
Daher schlage ich vor, wenn möglich ohne das Wort »Talent« auszukommen. Es lenkt, wie so oft und vieles im heutigen Managementverständnis, die Aufmerksamkeit auf das Außergewöhnliche, das Seltene, das Besondere.
Im Wörterbuch ist unter »Talent« zu lesen: »Begabung, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, besonders auf künstlerischem Gebiet befähigt«.
Nun bestreite ich nicht, dass es Talente gibt, im Gegenteil. Sind diese aber im Management und für den Erfolg einer Organisation von wesentlicher Bedeutung? Im Management zählen nicht Talente, sondern Resultate. Hängen diese kausal zusammen?
Es gibt genügend Leute, denen man durchaus Talent zuschreiben kann, die es allerdings nie zu etwas gebracht haben. Und man kennt das Gegenteil: Menschen, die kaum eine nennenswerte Begabung haben, und dennoch ganz Erstaunliches leisten. Wenn man nicht ohne das Wort »Talent« auskommen will, dann sollte man sich wenigstens auf die Nutzung von Talenten konzentrieren, denn nicht das Talent als solches ist wichtig, sondern was man daraus macht.
Was wir aber dringend benötigen, ist die Kenntnis der spezifischen Stärken einer Person. Stärken sind nicht dasselbe wie Talent. Sie sind viel profaner, konkreter und praktischer. Jene, die mit »Talent« operieren, schwenken in Diskussionen über diesen Punkt dann rasch um und behaupten, mit »Talent« dasselbe zu meinen wie ich mit Stärke. Diese Begriffe liegen zwar nahe beisammen, meinen aber nicht dasselbe. Ihre Beziehung ist so ähnlich, wie Eigentum und Besitz oder Dichte und Masse. Es ist dann eher Begriffsjonglieren anstelle von Klarheit und Präzision.